Pflanze des Monats

Pater Gerhards Kräuterkolumne:

BETONIE, HEILZIEST – Stachys officinalis

 

 

Gerade mal 40 Jahre alt wurde Walahfried Strabo. Um das Jahr 808 geboren, 838 zum Abt des Klosters auf der Reichenau gewählt und geweiht, schrieb er 840 das „Buch über die Kultur der Gärten“. Darin finden wir die erste Beschreibung der „Betonica“ in deutschen Landen verfasst, aber wie es sich für einen Benediktiner gehört – natürlich auf Latein. Hier die deutsche Übertragung:

 

Mag auch in Bergen und Wäldern, in Wiesen und Talgründen ringsum,

Aller Orten beinah, der Betonie köstliche Fülle

Häufig wildwachsend stehn, so besitz doch auch sie unser Garten.

Und im bebauten Land gewöhnt er sie, sittsam zu werden.

So viel Lob hat sie schon aus aller Munde geerntet,

Dass meine Muse, wenn sie noch weiteres beifügen wollte,

Alsbald, in eitlem Bemühen versagend, erkennte, es bleibe,

Was sie auch vorbringen könnte, doch alles ganz ohne Nutzen.

Wenn du es wohl unternimmst, sie zu pflücken und grün zu verwenden,

Oder getrocknet dem schleichenden Winter sie aufzubewahren,

Ob nun die Becher schäumenden Mosts deine Kehle erfreuen,

Oder dir eher geduldig geklärte Gaben gefallen, -

Allem wird die erstaunliche Kraft dieses Krautes entsprechen.

So außerordentlich hoch, wir wissen es, schätzen sei manche,

Dass sie glauben, durch ihre Heilkraft sich schützen zu können

Gegen jegliche Not, die den Körper innerlich angreift.

Ununterbrochen pflegen deshalb sie täglich zu trinken

Diese kräftige Sorte des heilsamen Medikamentes.

Außerdem, wenn dein Kopf von feindlicher Wunde getroffen

Leidet und krankt, dann lege die heilige Pflanze, zerrieben,

Fleißig als Umschlag dir auf, und allsogleich wirst du bewundern

Ihre heilende Macht, denn fest wird die Wunde sich schließen.

 

Kaum jemand kennt den Heilziest, obwohl er mit seiner Schönheit auffällt, wenn man ihm zufällig auf einer Wiese begegnet. Auch die offizielle Heilpflanzenkunde setzt den Heilziest kaum ein, obwohl er in seinem wissenschaftlichen Namen ein “officinalis” trägt.

Die Volksmedizin schätzt ihn jedoch umso mehr, wie das bei fast vergessenen Pflanzen oft der Fall ist.

Der ährige Blütenstand gab der Gattung „Stachys“, das heißt eben „Ähre“, den Namen. Für die arzneiliche Anwendung, werden die zur Blütezeit gesammelten, oberirdischen getrockneten Pflanzenteile, das Betonienkraut – „Herba betonicae“ – genutzt.Volkstümlich wurde die Pflanze bei Erkältungskrankheiten und Verdauungsstörungen, sowie äußerlich als Wundheilmittel zum Wundverschluß eingesetzt. Die enthaltenen Gerbstoffe sind bei Durchfall hilfreich.

In der Homöopathie wird der Heil-Ziest auch bei Leber-, Galle- und Magen-Darm-Erkrankungen eingesetzt. Nach Hildegard von Bingen soll der auch schlafanstoßende Wirkungen haben. Zum Einsatz kommen da sogenannte Betonika-Schlafkissen, die sogar gegen Alpträume helfen, wenn das Gewissen als gutes Ruhekissen denn mitwirkt.

In der Antike wurde die Betonie als Allheilmittel eingesetzt. Seit der herausgehobenen Nennung der Echten Betonie als Heilpflanze in „De Materia Medica“ durch Dioskurides hatte diese 1800 Jahre eine große historische Bedeutung als Phytopharmakon. Ihre weite Nutzung in der Antike und im Mittelalter ist durch die häufige Darstellung in klassischen Medizin- und Kräuterbüchern vielfach belegt. Im europäischen Mittelalter wird die Echte Betonie in den Pflanzenlisten der kaiserlichen Gärten Karls des Großen 812 erwähnt. Als geschätzte Heilpflanze hatte sie dadurch einen Stammplatz in jedem Kloster- und Apothekergarten oder wurde um Kirchen gepflanzt. Die Betonie hatte auch als Amulett-Kraut große Beliebtheit und wurde mit roter Wolle ums Handgelenk oder um den Hals getragen. Diese magische Applikation sollte unter anderen auch vor Hexerei schützen. Auch in der angelsächsischen Kultur hatte die Betonie neben dem Echten Eisenkraut die größte Wertschätzung als Schutzmittel gegen Hexerei. Im 20. Jahrhundert verschwand sie vermutlich durch die zu groß überlieferte Indikationsfülle aus dem Arzneischatz. Neue Untersuchungen belegen aber die Plausibilität überlieferter Indikationen aufgrund der tatsächlichen Inhaltsstoffe, für die nach aktuellen pharmazeutischen Wissen auch die überlieferte breite historische arzneiliche Nutzung belegbar ist. Darunter fallen insbesondere Indikationen im Zusammenhang der Erkrankungen der Atemwege, des Magen-Darm-Traktes, der Harnwege sowie als Analgetikum bei Schmerzen. In der Volksmedizin hat die Betonie aber nach wie vor ihren festen Platz behaupten können.

Angewandte Nutzungen fanden sich im Würzen von Wein und Guinness Ale. Bei Plinius dem Älteren wurde erstmals die Kombination mit Wein beschrieben. John Gerard, ein Elisabethanischer Kräuterkundler, gab Rezepte zum Herstellen von Ale mit Kräutern, auch mit der „Echten Betonie“ heraus. Solche Biere die mit Echter Betonie gebraut wurden, hatten einen medizinischen Hintergrund und wurden bis ins 18. Jahrhundert unter dem Namen „Old Doctor Butler’s Head“ vermarktet, einem Topos, der bis heute für einen historischen Londoner Pub erhalten ist. In verschiedenen Redewendungen hat sich die kulturgeschichtliche Bedeutung der Betonie erhalten. In Italien sagt ein Sprichwort „Vende la tunica en compra la Betonia“, „Verkaufe deinen Mantel und kaufe Betonien“.

Getrocknetes Betonienblattpulver war ein Bestandteil von Schnupftabak wie beispielsweise „Rowley’s British Herb Snuff“, das einst ziemlich bekannt gegen Kopfschmerzen war. In der Alpenregion wird getrocknetes Betonienblatt geraucht, es soll dabei aufbauende Funktion zeigen.

Ich meine das reicht!

Gott befohlen und herzlichst –

Ihr Pater Gerhard.